Man könnte meinen…

Man könnte meinen,  dass in doch so kurzer Zeit irgendwas bleibt und doch ist es als hätte die Welt sich in  der Zwischenzeit so oft gedreht und sie tut es täglich, schneller als meine Füße mit können.

So viele Begegnungen, berührende Momente, Traurigkeit und auch Freude und nun zurück in meinen vier Wänden, die ihre Farbe behalten haben. Und der Kampf jeden Morgen aufs Neue, mit müden Zehenspitzen und einem wackligen Boden, versuche ich Stunden festzuhalten und Augenblicke einzurahmen und darin nicht das Letzte zu sehen, was vielleicht wieder kommen wird.

„So viel Leben in deinen Augen“ habe ich gehört. „So viel Kampfesgeist.“  Und ich frage, von wem die Rede sei und ich fühle mich isoliert von dieser Welt, die treibt und treibt und meine Wenigkeit auf die Ersatzbank setzt, während andere die Tore schießen. Ich habe kein Sitzfleisch mehr. Und immer wenn ich das hier so schreibe, Buchstabe für Buchstabe, würde mich keiner darin wieder erkennen, weil es so deprimierend klingt, manchmal so hoffnungslos und doch sind es genau diese Worte, die ich brauche um weiter geradeaus oder kurvig oder steil bergauf gehen zu können.

In den letzten zwei Monaten habe ich so viele Geschichten gehört, so viele Schicksale gesehen, die mir zeigen, dass Menschen noch stehen, die ich in die Knie gezwungen vermutet hätte. Und doch stehen sie. Sie stehen. Und manchmal fühle ich mich schlecht dabei nicht so stark wie einer von ihnen zu sein und doch sagen die anderen ich wäre ein solcher – und schon ist der Knoten da.

Ich weiß nicht wie es weitergehen soll.

Ich weiß einfach nicht wie es weitergehen soll.

Nichts ist mehr wie es mal war. Nichts davon trägt das alte Kleid und die braunen Schuhe, nichts hat mehr die Orientierung, gar einen Plan, ein Ziel, einen Weg. Als höre er einfach auf zu existieren. Als gäbe es keine Steine, keinen Dreck mehr.

Ich bin jetzt offiziell exmatrikuliert. EX. Dabei  war ich doch diejenige gewesen, die gesagt hatte, wenn ich das tue, gebe ich mich selbst auf. Habe ich? Aber man kann ja Durststrecken errichten, die mit „vielleicht“ beginnen und mit „irgendwann“ aufhören. Ich bin jetzt offiziell erwerbsunfähig und offiziell 100 % behindert und es ist so viel offiziell, dass mir ganz schlecht wird.

Das ist also dein Weg, Mareike. Das ist er. Hier so abgeschnitten irgendwo in der Mitte. Jetzt pickst du Momente und versuchst dabei glücklich zu sein und es gelingt und es gelingt nicht. Das ist also dein Weg, liebe Mareike. Sieh ihn dir an. Was erkennst du? Kannst du etwas erkennen? Warum kannst du nichts erkennen?

Und du denkst an diese schönen Momente mit all den Menschen in der letzten Zeit, die dich berührt, getragen, Gänsehaut unter die Haut geritzt haben, als wäre es ein vorübergehendes Tattoo, was sich über deine Haut legt.

Und es zaubert mir dieses Lächeln auf das Gesicht, weil alles was zählt, in dieser einen Berührung von Herzen und Herzen liegt  und alles weitere vergessen macht.

Und ich wünschte ich könnte sagen „I am back“ und ich stammel. Ich kann es nicht behaupten. Ich fühle mich als schlechtes Beispiel für den Kampf gegen Krebs,  denn wie oft nun habe ich gehört auf was es ankommt: Positiv denken, positiv sein, positiv, positiv, positiv. Und du darfst nicht sagen „meine Krankheit“, sondern „die“ Krankheit und du musst dich distanzieren und du solltest…. Und doch wache ich jeden Morgen mit ihr auf und doch sieht sie mich an und doch nimmt sie mir meine Selbstständigkeit, meine Selbstbestimmung, mein alles. Und mir gelingt es nicht, auch entgegen aller Meinungen, fühle ich mich als schlechtes Beispiel für positiv. Dieser Schleier an nichts vernebelt mir die Sicht, er legt sich wie Augenklappen über die Pupillen. Er ist da, der Schleier und dahinter verbirgt sich ein Gesicht voller Sehnsucht nach Normalität und dem Wunsch, dem Herzen folgen zu können.

Und dem Wunsch, ein Stück von dem zurück zu haben, was mal war. Und ein Stück von… und wache auf!

Kürzlich holte ich erst mein Bachelorzeugnis ab. Mit Bravour. Ich müsste stolz sein. Und doch ist es, als wäre es der Abschiedsbrief einer geliebten Person,wie ein Testament, das nichts hinterlässt. Wie leere Zeilen. Man könnte meinen, ich wäre glücklich darüber, denn schließlich habe ich es trotz der Umstände geschafft. Vielleicht bin ich es eben. Negativ.

Man könnte meinen ich würde positiver schreiben, man könnte meinen, das tut man so, wenn  man Krebs hat. Aber ich bin so nicht. Wenn sich ein solcher Moment in meinem Schmetterlingsnetz verirrt, dann halte ich ihn nicht mehr fest, sondern lasse ihn ziehen. Und wenn er dabei meine Wange streicht, dann ist es, als käme der Frühling für einen kurzen Moment in mein Herz und pflanze einen Baum, den ich vielleicht irgendwann wachsen sehe. Vielleicht. Vielleicht, irgendwann.

Bestrahlung vom 20.05. – 01.07

Reha vom 02.07. – 09.08.

bestrahlung

Broken-Heart-Schmerz

Ich habe die Playlist mit den Liebes-du-hast-mich-verlassen Songs neu sortiert. Ich bin sie durch gegangen, immer und immer wieder, bis ich sie nicht mehr ertragen konnte. Pause.

 

Stille.

tick. tack. tick. tack

 

So lange bis ich auch diese nicht mehr ertragen konnte. Ich habe „Trennung“ gegoogelt, nur um sicher zu gehen,  dass ich nicht die Einzige bin, die diesen Schmerz kennt. Ich habe das Internet gefragt, ob sich Liebeskummer negativ auf den Krebsheilungsprozess auswirkt, nur um mir einzureden, dass ich doch einfach damit aufhören sollte. Erfolglos.

Und dann sind  da noch diese vielen Bilder, die auf meinem Laptop verstauben. Ich traue mich nicht sie anzurühren, als könnte dein Gesicht dahinter stecken. Ich bin vorsichtig geworden mit Erinnerungen. Sie bleiben in Vergangenheit und jagen in Zukunft.

Ich frage, ob das je wieder aufhört – und sie sagen „ja, das tut es“ und doch bleibt eine Ewigkeit dazwischen   und doch passt eine Unendlichkeit zwischen  Minuten. Wie Kinder ohne Zeitgefühl. Ich versuche dich abzuschütteln wie einen lästigen Zeitvertreib, aber du bleibst auf meiner Haut.

Und ich sehe deine Schweißperlen auf der Stirn. Die unserer letzten Begegnung. Die, die mir sagen, dass alles vorbei ist, weg gewischt, als wäre es nie gewesen. Und ich weine vor Schmerz und ich gehe unter mit deinem Geruch und meinem Herz. Broken-Heart-Schmerz. Und dann sieht es so aus, als wäre ich lächerlich, jetzt, wo doch jeder sagen könnte, dass es Wichtigeres gibt, als Menschen hinterherzutrauern, die dich nicht lieben. Und der Kopf nickt, das Herz weint.

Und ich frage mich, warum es mehr Schmerz ist, dich zu verlieren, als die Diagnose mich zu verlieren.

Und ich frage mich wohin mit mir und ich frage mich wie weit mit mir und ich frage mich warum all diese Fragen.

Und ich weiß, dass der Abschied an meine Türe klopft, sein schmales Köpfchen herein schiebt. Er spricht von loslassen. Ich fürchte ihn mit seinen schmalen Lippen und den tiefen Augen, als hätten sie Leben und Lebensjahre verschluckt. Er setzt sich neben mich und überschlägt die Beine. Da sitzt er nun, als hätte er heute nichts mehr vor. Er wartet. Sagt kein Ton. Und ich kann den Schmerz spüren, wie er durch meine Venen und das was davon übrig geblieben ist, fließt. Und ich wehre mich gegen seine Anwesenheit. Und ich würdige ihn keines Blickes mehr. Und ich bitte ihn hinaus. Doch er bleibt. Und er wird bleiben. Und ich weiß, dass er bleiben wird. Solange, bis ich ihm in die Augen sehen kann, solange, bis ich verstehe, dass Türen, die zu sind nicht mehr aufgehen, solange bis ich all das verbanne, was einst verbunden. Und ich fürchte mich. Fürchte mich, ihm die Hand zu reichen und  doch weiß ich, wo keine Liebe ist, sollte man nicht bleiben.

 

Elend

Wie soll man sich fühlen, an solchen Tagen?

– verlassen. beschissen.

Wenn der Kopf ständig damit beschäftigt ist, über dem Eimer zu hängen, wenn der Magen völlig leer nicht nach Essen schreit und die Trennung noch an den Zellen herumknabbert, wenn du merkst, dass du nicht einmal den Alltag bewältigt kriegst und in deinem eigenen Elend liegst. Noch vier Wochen. Vier Wochen die Strahlen durch das Gehirn jagen lassen, vier Wochen in einem Raum liegen mit einer Maske im Gesicht, die die Haut quetscht. Und warten. Warten bis die Strahlen ihre Arbeit verrichtet haben, ihren Weg durch dein Gehirn bohren, brummend.

Es ist surreal. Völlig surreal. Denn wer denkt schon, dass einem so etwas im Leben mal treffen wird? – Und doch hätte es jeden treffen können und doch hat es mich getroffen.

Und du wirst neidisch, wenn du Stimmen hörst, die gepaart mit Grillduft, direkt in dein Zimmerfenster strömen, zu deinem Bett auf dem du jetzt liegst. Und du wirst traurig, weil die Sehnsucht nach Leben deine Nase juckt und du mehr willst als überleben.

Und du bist verzweifelt, wenn du diesem Jucken nachgeben willst und realisierst, dass du zu schwach bist zu sein. Dann bleibst du liegen und träumst dich in eine Welt, in der das alles ganz anders ist. In der du einfach nur aufwachst und bestenfalls von einem Albtraum berichtest.

Und wenn es regnet, dann ist es wenigstens authentisch. Aber wenn sie dann wieder hervorkriecht die Sonne, dann spürst du das Leben außerhalb deines Körpers, dann spürst du, was du nicht hast. Und du wünscht dir Regen. Den ganzen Sommer durch. Einfach nur Regen.

„Es geht jetzt nur darum, zu überleben“ hatte mir jemand gesagt. Wie als wäre ein Zug vorbeigefahren, dröhnend, an so einem alten heruntergekommenen Bahnhof, an dem die Zigarettenstummel den Boden tapezieren und es irgendwie nach Urin stinkt, streift der Satz meine Ohren, blitzt an ihnen vorüber, presst Geräusche in den Gehörgang, aber hinterlässt kein klar artikuliertes Wort. Denn was ist überleben? Was heißt das? Und wie geht das? Wer erklärt mir das? Und steckt in dem Wort Überleben nicht Leben?

Sogar meine Worte sind müde geworden in diesem Dauerlauf aus schlafen und kotzen und sich wertlos fühlen unter seiner eigenen Bettdecke, in seinem eigenen Bett.

Und ich hätte gerne bunte Poesie an meine Herzklappen geklebt und Wörter, die wie neu erfunden klingen. Und ich hätte gerne das Lächeln eines vergangenen Sommertages, an dem ich Milchreis gegessen und Lieder gesungen habe. Und das traurige daran ist, dass „träume nicht dein Leben, lebe deine Träume“ wie ein Damoklesschwert in schwarzen Buchstaben über mir kreist und grinst und verdammt zu einem Utopiestatement wird. Oder? Vielleicht liege ich ja auch falsch. Vielleicht könnte ich alles viel besser machen. Vielleicht lass ich mich hängen. – Du hast mich hängen lassen.

Und dann lese ich diese Zeilen und verstehe kein Wort davon und fühle mich trostlos. Ohne Trost.

Vielleicht müsste ich nur meine Schwimmflügel aufblasen, um nicht unter zu gehen? Fehlt mir der Atem?

Vielleicht muss ich einfach nur aufwachen? Stärker sein? Mutiger?

– Ich weiß es nicht. So hier in meinem Elend. Weil du weg bist und ich auch. Und weil ich mich vermisse, mit allen Taten und all dem Drang was zu verschieben, zurecht zu rücken, zu erledigen. Weil ich mir fehle. Weil ich mal anders konnte. Weil ich krank bin und es mir das Herz zerreißt das zu zugeben.

Weil ich mich suche in all diesem Irrsinn. Und weil ich nicht mal Umrisse erkennen kann. Weil ich nicht mehr weiß, ob ich noch bin.

Illusionär

Das Wahre an Illusionen ist doch, dass sie unsere tiefste Sehnsucht darlegen, dass wir im brutalsten Krieg mit ihnen noch ein Stückchen Frieden haben. Bis das dann eintritt. Das, dass sie wie Seifenblasen gen Sonne treibend zerplatzen und sich auflösen  wie der Rauch einer Friedenspfeife nur ohne Frieden.

Und wir stampfen und trampeln, weil wir halten wollen was nicht zu halten ist, was sich längst wie in Säure eingelegt aufgelöst hat, was fort ist. Für immer und eine Ewigkeit.

Und mit jeder Anstrengung die Illusion Stein für Stein wieder zu errichten, spüren wir nur ihren Verfall, ihr gescheitert sein, ihr Ende.

Ich bin kein Visionär, ich bin Illusionär. Ich hielt sie in der Hand, die Illusion von der Liebe, die Tumoren und Krebs(en) trotzt, den verdammt kitschigen Glauben an etwas, das hält. Ein Stückchen Ewigkeit vielleicht in diesem endlosen Tunnel voller Endgültigkeit. Die tiefe Sehnsucht nach einem Zeugen, wenn es nichts zu beweisen gibt und einer Hand auch wenn es nichts zu halten gibt.

Ein Reserverad. Oder so.

Sie ist zerschmettert, direkt vor meinen Augen.

Und ich stehe da wie ein kleines Kind. Und ich fühle mich einsam, obwohl ich es sicher nicht bin. Aber so ist das mit der Einsamkeit. Sie fragt nicht nach Realität. Und ich wünschte mir wäre der Song gewidmet mit den Zeilen „Halt dich an mir fest, wenn dein Leben dich zerreißt. Halt dich an mir fest, weil das alles ist was bleibt“ und ich wünschte ich wäre dessen Protagonist und ich wünschte es wäre alles so real und so romantisch und ich wünschte das wäre das Leben, das wäre meins. Ich wünschte ich lebe in einer Telenovela, in der es doch immer gut ausgeht, in der die Liebe so rein und unverfälscht ist.

Und ich wünschte, da wäre er. Er, der meine Hand hält und mit mir die Schlacht schlägt bis alle Krieger müde und ich wünschte die Zeit wäre auf meiner Seite und ich wünschte ich könnte gewinnen.

Und ich muss aufwachen.  Denn diese Schlacht wartet nicht. Diese Schlacht nimmt keine Rücksicht auf Verluste und schon gar nicht auf Träume. Und dann schieben sich da die Erinnerungen dazwischen, so fiese kleine Erinnerungen, dünner als ein Blatt Papier. Erinnerungen von der Sonnenseite und von traumafreien Tagen. Erinnerungen von Glück.

Und dann muss ich aufwachen. In mitten eines Tumors ist eine Beziehung zerbrochen, die dem nicht stand gehalten hat. Die, die mich jetzt prüft, ob ich bereit bin diesen Weg ohne ihn zu gehen. Die Prüfung, die von mir verlangt das Leben zu lieben auch wenn es scheint, dass es nichts mehr zu holen gibt. Und mit zitternden Händen, schweißgebadet, verfange ich mich in der Prüfungsangst. Der Angst zu versagen. Weil man an solchen Tagen nicht mehr weiß, wie es weitergehen soll. Und es summt in meinem Ohr „Halt dich an dir fest, wenn das Leben dich zerreißt. Halt dich an dir fest, weil das alles ist was bleibt“.

 

Fernsüd

geschrieben mit: Time – Hans Zimmer

 

Ich möchte weg. Ich möchte all meine Sachen packen und mich und einfach nur weg. Raus. Vielleicht in die Sonne. Ein bisschen Luft atmen, ein bisschen anders sein, als die Gegenwart mich derzeit zwingt. Ich möchte die Zeit einfrieren und mich auftauen, sanften Regen Salzreste von der Haut spülen und Wolken zählen lassen. Ich möchte Illusionen voll von Freiheit  und Zuversicht und eine Pferdekutsche mit Hufen auf grünen Wiesen und Lehm zwischen den Fingern. Ich möchte Vergessen speisen und Tanzen kreieren. Ich  möchte weg mit mir und mir und der Stille.

Ich möchte Begegnungen  voller Glauben – und davon nur wenige – und ein Stück Papier und einen warmen Pulli, den ich nicht brauche. Ich möchte den Geruch vom fernen Land und fremden Gesichtern und Liebe.

Ich möchte fernsüd und eine Melodie im Ohr, die leise das Lied von Geborgenheit summt. Ich möchte Tiger und Willen, die in mir geboren werden, während du mir eine Liebeserklärung zwischen die Zeilen pustest. Ich möchte liegen im feuchten Gras und die Ameisen arbeiten hören, Sonnen zwischen Wolken schieben und die Traurigkeit Tropfen für Tropfen in die Erde sickern sehen.

Ich möchte die Unendlichkeit zählen und Wellen beim Spielen zusehen, ein Stück Sehnsucht verlieren und ein neues erwerben.

Ich möchte der Zufriedenheit das Fahrradfahren beibringen, Türme stürzen sehen, Flugzeugen hinterhertrauern und der Langsamkeit vertrauen schenken.  Ich möchte Gedanken kursieren lassen, Gerüchte in Gerüche verwandeln, ein Zauberlehrling werden. Ich möchte Sicherheit stehlen und Glück darin einwickeln.

Ich möchte ich sein ohne ich zu sein und du sein als wäre ich ich. Ich möchte raus. Weit weg und vor mich bringen, was ich nicht hinter mich bringe. Ich möchte einen Springbrunnen mitten in dein Luftschloss, mit Träumen fangen spielen und dem Frohsinn den Sinn klauen.

Ich möchte nach Fernsüd.

Eine Unterschrift bitte

Es war doch immer so. Es war doch immer so. Es war doch immer so. Nach dem dritten Mal klingt es bereits komisch, beim vierten Mal liegt so viel Distanz dazwischen, dass ich die Bedeutung nicht mehr verstehe. Das ist wie mit dem „Früher“. Früher war das alles so herrlich und so herrlich einfach.

Heute sitze ich zitternd vor dem Stift. Ich fixiere ihn und stelle mir vor wie es damals war, als ich noch schreiben konnte, als das Kratzen des Kugelschreibers die Filmmusik meiner Worte war,  als… Heute muss ich das Ausfüllen von Anmeldebogen verweigern.

Früher als ich noch so mitten drin war, so mitten drin im Leben. Das sagt man doch so. Und heute, wie ich über das dünne Eis schlittere in der Hoffnung niemand würde es bemerken, wie ich so taumel und schwanke, weil sie es ja sehen könnten, dass ich nicht mehr so klar komme. Dass ich anders bin, zumindest anders als früher.

Dann schnürrt sich mir die Luft ab, drückt die Kehle gefährlich eng. Ich schnappe nach Luft, ohne nach Luft zu schnappen, so eben, dass niemand es sieht. Fischen schaut man nicht beim Schwimmen zu.

Und dann werde ich müde und eigentlich traurig. Nur gestehe ich mir das nicht ein. Ich halte eben immer noch fest an dem alten Bild. Diesem alten Bild von mir. Jeden Tag aufs neue rahme ich es ein, nur um vergessen zu können, dass die Farben verblasst sind.

Früher, ja früher, da konnte ich noch einkaufen, Geschirrspülen, kochen, trinken, Treppen steigen, normal sehen, essen  und schreiben und heute…heute stehe ich da mit Gummibeinen und muss um Hilfe bitten. Fragen, ob denn jemand…und versuchen sich dabei nicht zu fühlen, wie jemand der nicht mehr bis 10 zählen kann und versuchen dabei zu lernen sich selbst zu lieben und versuchen den Kopf ruhig zu halten wenn der „einen für Mama, Papa, Großtante, Cousine und Onkel“ Löffel die Mundöffnung passiert.

Ich fühle mich …wortlos. Als hätte sie mir jemand geklaut, die Worte. Einfach so, völlig entspannt aus dem Mund geraubt, die Buchstaben. Ich schnappe wie ein Fisch. Da ist er wieder. Nach Luft.

Ich sammel die Tränen, als gäbe es einen Tag, an dem ich sie besonders gut gebrauchen kann und dabei schreit es unentwegt grell und sirenenschrill. Es schreit weil ich Entscheidungen treffen muss, während ich versuche, bebend die Kaffeekanne ruhig zu halten und die Öffnung der ohnehin XXL Tasse zu treffen und versuche dabei mich nicht zu schämen, standhaft zu bleiben, den Boden unter den Füßen festzuhalten und nicht aufzugeben.

Dabei ist das manchmal gar nicht so leicht, wenn der heiße Tee über deine Haut schlittert, wie Kinder im Winter rodeln. Dabei ist es gar nicht so einfach sich festzuhalten, wenn die nette Kassiererin am Supermarkt deine Unterschrift will und du da stehst und dich fragst, wie du ihr jetzt sagst, dass du nicht mehr schreiben kannst. Dabei ist es nicht so einfach zuzusehen, wie das Früher im Heute mit Wolken und Unfähigkeit benetzt ist.

Und dann willst du es wieder  und dir wieder beweisen. Du gibst alles. rennst, rennst, rennst. Sagst dir, dass das doch nicht so schwer sein kann Tee zu kochen. Es ist doch nicht so schwer eine Tomate zu halbieren, ein Ei zu schälen, Brot zu schneiden. Es ist so schwer. Es ist so schwer. Es ist so schwer.

Und dann wirst du müde. Bis der Postbote klingelt und freundlich lächelnd „Eine Unterschrift bitte“ sagt.

Schokoladenseite

Kennt ihr das noch? Diese glühenden Kinderaugen, wenn der mit vereinzelten Fingerabdrücken verzierte Schokoladenkuchen den Raum betritt, mit den vier bunten und schief stehenden Kerzen, die munter dabei sind, das Wachs auf der Glasur zu verteilen. Wie du die Luft in deine Backen presst, dich konzentrierst und dann mit voller Wucht die zarten Flämmchen erlischt. Alle. Weil alles andere Unglück bringt. Wie du glaubst es gäbe nichts Größeres und Schöneres als diesen Tag auf den du Wochen, gar Monate hingefiebert hast. Dein Tag. Weil alle wegen Dir gekommen sind und weil alle Geschenke Dir gehören.

Und dann erwachst Du, allein in deiner Wohnung. Du bist groß geworden, kannst schon schreiben und musst deine Rechnungen selbst bezahlen und wünscht Dir du hättest noch ein wenig von dem Funkeln und Brennen in deinen Augen, das dir damals ein einfacher Schokoladenkuchen entlockt hat. Du glaubst, dass das Kind sein die Leichtigkeit von Engeln oder so wie man sie sich vorstellt innehat. Du glaubst Kind sein war schön. Alles Vergangene ist schön.  Aber wenn ich weiter grabe, tief unter den Schokoladenkuchen, stelle ich fest, dass ich als Kind bloß besser im Moment umher stolzierte. Da haben dich schon Kerzen abgelenkt, Regenwürmer fasziniert und jedes dieser kleinen Details, die du heute gar nicht mehr siehst. Als wärst du blind geworden.  Aber nachts, nachts hattest du Angst. Du hattest Angst vor Kriegen, dass deine Eltern sich scheiden lassen oder doch gar nicht deine Eltern sind, sondern Monster, die irgendwann über dich herfallen, Angst, dass einer deiner geliebten Menschen an einer Krankheit stirbt.

Aber du hast nicht daran gedacht, dass 23 Jahre später du diejenige sein wirst, die Pflegeanträge ausfüllt; ihre Patientenverfügung, im Schrank liegen hat, die die Minutenzahl deiner letzten Herzschläge festhält bevor die Maschinen abgeschaltet werden. Du hast nicht gedacht, dass du  ein Testament daneben legst – wo es doch eh nicht viel zu holen gibt.

Du hast mit dem dritten Weltkrieg, einer europäischen Hungerkrise und einem Meteoriten gerechnet, aber nicht damit. Nicht mit einem Tumor in deinem Gehirn, wo du doch ein Denker bist, gerne und viele Umkreisungen drehst. Damit hast du nicht gerechnet, mit dem ganzen Regen in dir.

Und da kam der Blitz und der Donner und entledigte dich und deinen Glauben,  dass dir so etwas nicht passieren könne, denn sowas gibt es nur in Filmen und Büchern und man tropft die Buchstaben mit  Krokodilstränen voll und wünscht sich man könne den Protagonisten den Schmerz nehmen und man wünscht sich, man könne ein Stück des Weges helfen zu tragen und auf einmal sitzt der Rucksack auf deinen Schultern und du kannst dir nicht mehr wünschen du könntest etwas für andere tun. Du bist reglos. gelähmt. Klammerst dich an dem Gedanken fest, dass doch alles mal ganz anders war. Schokoladig. süß.

Heute stehe ich in der Küche und zerlege zitternd die Schokolade in ihre Einzelteile, trenne die Eier, mische sie mit dem Zucker und beobachte die Bläschen, wie sie sich quetschen und drücken, nach Platz ringen. Ich siebe das Mehl darüber, ersticke sie, sitze mit dem Rücken an der Wand vor dem Ofen wie vor einem offenen Kamin und warte den Teig gen Himmel gehen zu sehen.

Ich habe den Kuchen nicht probiert. Ich habe die Schokolade darüber gegossen, zäh und dickflüssig, und vier Kerzen darauf gepickt, gewartet bis eine Wachslache, vier bunte Kleckse, auf der Glasur kleben und das Plastik das sie hielt angeschmorrt sich mit dem Kuchenduft vermischt. Ich habe ihn nicht probiert.  Deshalb. Weil  doch klar ist, dass der Gaumen enttäuscht und ich erschüttert gewesen wäre, weil es nur einen Hauch von Erinnerungen sein konnte, weil ich wieder hätte aufwachen müssen. Aber auch, weil heute einfach heute ist und irgendwie das doch ganz gut ist. Weil der Geschmack von Kindheit keine Kindheit ist, sondern der Wunsch unbeschwert zu sein und weil es nicht darum geht in der Vergangenheit ein Haus zu bauen. Weil es darum geht in der Gegenwart die Möbel umzustellen und sie irgendwann an einem Platz vorzufinden, an dem sie sein dürfen, an dem sie sind und an dem die Angst nur noch ein Hauch von Gedanke ist, dem der Friede und die Dankbarkeit für diese Schokoladenmomente gegenüberstehen.

 

Poker für Fortgeschrittene

Wie viel Angst passt in das Wort ‚Krebs‘? Wie sehr biegt sich das ‚K‘ – der längliche Strich außen – und das ’s‘, wie viel Druck muss es aushalten?

Ich weiß es nicht. Ich verdränge. Ich habe keine Angst, weil alles so weiter gehen muss wie es weiter geht, außer dass ich jetzt jede Sekunde leben muss, als wäre es meine Letzte. Das sagen die doch immer. In Filmen und so. Aber ich weiß noch nicht wie das geht. Ich habe Angst. Ich habe es eben doch.

Ich bin 27. Kein Alter um zu sterben, oder? Ich habe Träume. Eigene. Nicht  aus Filmen, sondern meine ganz eigenen. Und ich weiß dass egal wie alt ich bin, es Zeit für mich wird mich mit dem Sterben auseinanderzusetzen. Aber wie macht man das?

Ich habe den Tod schon oft gesehen mit seinem bleichen Teint, aber jetzt so kurz davor, erkenne ich ihn nicht wieder.

Er hat Falten bekommen, gelbe, spitze Zähne. Und ich? Ich stehe bibbernd davor, weil ich festhalte. Festhalte an Visionen und Träumen. Natürlich ist das Russisch Roulette noch nicht entschieden. Es gibt eine Überlebenschance. Da passt dein Leben plötzlich auf einen Spieltisch, auf so einen,  auf dem sie immer Poker spielen, die coolen finster drein blickenden Männer. Ich fühle mich hilflos. Ich bin traurig und habe noch keine Träne darüber geweint. Darüber. Über die Diagnose. Die, die seit neuestem mit mir aufwacht und nachts ihre Füße unter meine Decke streckt. Ich habe einen Gehirntumor. Uahhh. Ist das wahr? Was ist das? Was heißt das? Wie lange noch? Und ich werde stumm, weil auf keines dieser Fragen eine Antwort wartet. Es lauert bloß die Ungewissheit, dort an jeder Ecke und grinst und stinkt und freut sich, weil sie mal wieder nichts verrät.

Ich habe Angst. Verdammt, ja. Ich habe so viel Angst, dass es sich anfühlt als hätte ich keine. Als wäre ich die einzige Person auf Erden, die es wegsteckt und sagt „Krebs? Ach, komm. Ist ja lächerlich“. Ich drehe mich im Kreis. Ich weine innerlich so laut, dass kein Wesen dieser Erde es aushalten könnte. Hören tut man das nicht. Man hört es nicht.

27. Was tut man normalerweise in dem Alter? Heiraten? Kinder kriegen? Karriere hoppen? Ich liege in Röhren, die sich CTs und MRTs und PETs und sonstwie schimpfen. Ich lasse dort drinnen den Lärm auf mich einhämmern und spüre wie still es in mir ist. Wie starr und einsam, weil eben nur einer in so ein MRT passt. Da ist nur Platz für einen.

Ich harre auf das, was die Ärzte sagen. Sie sagen es sei schwierig bei mir. Und die Worte hallen nach, als wären sie die Stimme einer Bahndame, die durch diese Lautsprecher soeben „Der Zug nach Essen fährt heute von Gleis 3 ab“ sagt. Und das letzte Wort bleibt hängen, heftet sich an meine Nervenstränge und verweilt dort sekundenklebermäßig fest. „schwierig“. Ich suche die Hoffnung, wühle zwischen den Buchstaben – vielleicht im ‚g‘ ? – bis ich müde werde, furchtbar müde und beschließe die Hoffnungsgräberaktion auf den neuen Tag zu verschieben.

Es fällt mir schwer positiv zu denken, dabei muss man das, das sagen die Ärzte und alle die, die damit nichts zu tun haben. Aber ich,  ich muss das erst noch lernen. Vielleicht, ganz bald.